Epochenwende als Grunddifferenz

13. Mai 2019 | Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel

Innovation 4.0

Innovation ist und bleibt in unserem Verständnis stets auf die Grundkompetenz bezogen, nicht nur etwas, sondern in einer neu sich erschließenden Welt auch sich selbst neu zu erfinden und sich in seinem Umfeld, in seiner Umwelt zu behaupten: allein wie zusammen mit anderen, mit seinen Gefühlen und Gedanken und in seinen Beziehungen, mit seinen Handlungen und Produkten, auf symbolischen wie auf realen Märkten.

Innovation 4.0 bezieht sich dann auf eine vorerst abgeschlossen Durchsetzungsstufe digitaler Transformation – und für das Hineinfinden in jene neue Weltsituation scheint „Reise ins digitale Zeitalter“ eine gelungene Metapher zu sein. Aber dann lesen wir nach der Erläuterung, jene Transformation sei „das höchste Level des digitalen Wissens und baut auf der digitalen Kompetenz und der digitalen Nutzung auf“:

Digitale Transformation setzt digitale Informations- und Kommunikationstechnologien ein, um die Performance von Unternehmen und Organisationen zu erhöhen. Es geht bei der digitalen Transformation um Transformierung und Weiterentwicklung der Unternehmensprozesse, des Kundenerlebnisses und der Geschäftsmodelle.

Es ist sicher richtig, im konkreten Fall in konzentrischen Kreisen aufzuweisen, dass sich vernetzte Digitalisierung nicht auf die Produktion beschränkt, sondern nach und nach alle Unternehmensprozesse erfasst und dann auf diese zurückwirkt, weil Digitalisierung den Markt komplett verändert hat. Aber gerade weil der Autor sich auf die Auswirkungen vernetzter Sensortechnik im traditionsreichen Kernbereich einer Industrie 4.0 bezieht, ist die Rede vom digitalen Zeitalter hier zu einem beliebigen Sprachbild geworden. Denn selbst wenn man dann bei weltweit vernetzten Prozessen angelangt ist, die sich vor Ort auswirken, wird es bei den fälligen Veränderungsprozessen im Unternehmen bei Anpassungen bleiben: weil die verkündete Disruption weder die gesellschaftliche noch die kulturelle Tiefendimension dessen angekratzt hat, was Digitalisierung, Transformation und 4.0 verbindet.

Mitten drin im Epochenwechsel

Das wird allerdings vor Ort spürbar, wenn gestandene Ingenieure und Kaufleute eines mittelständischen Weltmarktführers weinend zusammenbrechen, sobald ihnen klar wird, dass sie keine Maschinen mehr produzieren und verkaufen werden, sondern eine Dienstleistung, die auf Datensätzen beruht. Sie werden ihren Kunden das, was Maschinen bewirken, als kontinuierliche Funktion garantieren und verkaufen können, weil sie sich besser als irgendjemand sonst darauf verstehen, sensorgestützte Maschinendaten auszuwerten.

Wie früher auch, werden die Wartungsteams stets vor einem Maschinenausfall beim Kunden sein – aber auch anderswo, und sie werden zunehmend vor fremden und geleasten Maschinen stehen. Denn die Forschungs- und Entwicklungsabteilung berät alte und neue Anwender über neue Verwendungsmöglichkeiten, und sie berät die frühere Konkurrenz: Maschinenproduzenten, mit deren Herstellungspreisen das Unternehmen ohnehin nicht mehr lange hätten mithalten können. Damit dies aber gelingt, müssen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur irgendwie auf diesen sich entwickelnden neuen Märkten zurechtfinden. Es gilt Abschied zu nehmen, Trauerarbeit zu leisten. Sie müssen ihre alten Kunden neu und neue Kunden anders zu verstehen lernen. Und dazu müssen sie in dieser neuen digitalen Welt zunächst einmal sich selbst neu finden und erfinden – um sich schließlich in einem weltweiten Netz als Veränderte neu finden lassen: von alten wie von neuen Kunden, bei denen überall ähnliche Prozesse ablaufen oder doch ablaufen sollten.

Wenn Sie Fragen zum Thema oder Interesse an weiterführenden Angeboten haben, dann können Sie uns einfach eine E-Mail schreiben: stefan.kunkel(at)sagena.de